Nach Jahren der Suche nach einem Platz in der Videospielbranche hat Netflix offenbar erkannt, dass die vielversprechendste Zielgruppe noch die Schulbank drückt.
Netflix Games: Der schwierige Einstieg ins Gaming
Im November 2021 stieg Netflix offiziell ins Videospielgeschäft ein und integrierte Netflix Games in seine App. Der grosse Erfolg blieb jedoch aus. Nur wenige Menschen öffnen Netflix, um zu spielen; der Store ist nicht besonders intuitiv, die meisten Abonnenten wissen nicht einmal, dass diese Spiele verfügbar sind, und der Grossteil des Angebots beschränkt sich auf Mobile Games – ein Format, das Vielspieler nicht zwingend anspricht. Netflix Games existiert zwar weiterhin, doch wie profitabel dieser Bereich ist, bleibt weitgehend unklar und liegt vermutlich weit hinter den Einnahmen aus dem ursprünglichen Streaming-Abonnementgeschäft zurück.
Schliesslich erkannte das Unternehmen, dass es nicht länger erwachsenenorientierten Lizenzen hinterherlaufen sollte, sondern eine andere Zielgruppe ansprechen muss: Kinder. Ein fünf- oder sechsjähriges Kind, das Peppa Pig bereits auf dem Tablet seiner Eltern schaut, wird ganz selbstverständlich auch zu einem Spiel mit derselben Figur greifen – ohne dass eine kostspielige Marketingkampagne nötig wäre. Die Umwandlung erfolgt sofort, der Mehrwert für Netflix liegt auf der Hand. Diese Neuausrichtung scheint sich ausgezahlt zu haben: Laut den Finanzergebnissen für das zweite Quartal 2026, in dem die Plattform 12,6 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielte (+13 % gegenüber dem Vorjahr), ist das Engagement bei den Mobile Games für Kinder im Jahresvergleich um 600 % gestiegen.
Netflix Spielecke für Kinder unter acht Jahren
Ausgelöst wurde dieser bemerkenswerte Anstieg durch eine eigene Anwendung: Netflix Spielecke (Netflix Playground), die im April 2026 eingeführt wurde. Sie richtet sich speziell an Kinder unter acht Jahren, enthält weder Werbung noch In-App-Käufe, kann offline genutzt werden und ist ab einem Standard-Abo verfügbar. Seit dem Start hat sich die Zahl der Spieler verdreifacht: Netflix hat seine neue Goldgrube zweifellos gefunden.
Videospiele für Kinder: Netflix’ profitabelster Schachzug
Die Netflix Spielecke zählt zu den wirkungsvollsten Instrumenten zur Kundenbindung, die Netflix entwickeln konnte: Ein Haushalt, dessen Kinder regelmässig Inhalte auf der Plattform nutzen, dürfte ihr eher treu bleiben. Durch Spiele, die auf eigenen Lizenzen wie Peppa Pig, Sesame Street, Dr. Seuss und StoryBots basieren, hat das Unternehmen einen für sich äusserst profitablen Kreislauf geschaffen.
So kann ein Kind vom Anschauen einer Folge seiner Lieblingsserie direkt zum Spiel derselben Lizenz wechseln, ohne den virtuellen Freizeitpark von Netflix verlassen zu müssen. Für Eltern wird es erheblich schwieriger, ein Abo zu kündigen, wenn ihr Kind diese doppelte Nutzung aus Video und Spiel zur Gewohnheit gemacht hat. „Auch wenn wir noch von einer bescheidenen Ausgangsbasis starten, geben uns diese ersten Ergebnisse mehr Vertrauen in unsere Fähigkeit, ein solides Fundament für ein starkes künftiges Wachstum zu schaffen“, erklärt das Unternehmen.
Diese Einschätzung teilt auch Co-CEO Greg Peters: „Wir stehen erst ganz am Anfang […] Wir haben das Potenzial dieses Marktes bisher kaum ausgeschöpft“, sagte er. „Wir werden unsere Investitionen weiter verfeinern. Verglichen mit dem Gesamtbudget unserer Serien und Filme sind sie weiterhin gering. Dabei orientieren wir uns daran, was bei unseren Abonnenten funktioniert und was dem Unternehmen Erträge bringt.“
Netflix betrachtet Videospiele damit ausdrücklich als Erweiterung seines klassischen Geschäfts – eine einzigartige Position in der Branche. Kein Wettbewerber in diesem Bereich, selbst nicht die grossen drei Sony, Microsoft und Nintendo, verfügt über einen Serienkatalog für Kinder, der einen solchen Nachschub an Spielen ermöglichen könnte, ohne auch nur einen Cent in die Entwicklung neuer Marken investieren zu müssen. Wenn die Kinder, die heute stundenlang in der Netflix Spielecke spielen, älter werden und sich für Spiele für Erwachsene interessieren, wird Netflix vermutlich ausreichend Zeit gehabt haben, ein passgenaues Angebot für sie aufzubauen.
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