Trichotillomanie: Eine seit Langem bekannte Erkrankung
Trichotillomanie – das Ausreißen von Haaren am Kopf, an den Augenbrauen, Wimpern oder anderen Körperstellen – ist keine neuartige Erkrankung.
Historischen Dokumenten zufolge finden sich die frühesten schriftlichen Erwähnungen in Hippokrates’ Epidemien III aus dem Jahr 410 v. Chr. Um 350 v. Chr. schrieb Aristoteles in der Nikomachischen Ethik über Laster und nannte dabei „die Gewohnheit, Haare auszuzupfen oder Nägel zu kauen“.
Die auch als Haarausreißstörung bezeichnete Trichotillomanie wird den körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen zugeordnet. Sie kann Haarverlust sowie erhebliche psychische oder soziale Beeinträchtigungen verursachen.
In den USA betrifft sie 1–2 Prozent der Menschen, kommt bei allen Geschlechtern gleich häufig vor und tritt oft zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf, etwa Angststörungen und Depressionen, PTBS, Zwangsstörungen und ADHS.
Eine verbreitete Erklärung für Trichotillomanie ist die Emotionsregulation: Das Haarausreißen soll helfen, unangenehme Gefühle wie Angst, Anspannung oder Frustration zu bewältigen, und nach der Handlung Erleichterung verschaffen.
Frühere Untersuchungen lieferten jedoch widersprüchliche Befunde für diese Annahme. Haare können auch ausgerissen werden, wenn jemand abgelenkt ist oder die Handlung gar nicht bewusst wahrnimmt.
Heidelberger Studie verfolgt Drang und Verhalten im Alltag
Um besser zu erfassen, was in Echtzeit geschieht, begleiteten Forschende des Universitätsklinikums Heidelberg 61 Erwachsene mit Trichotillomanie über 10 Tage.
„Die Mehrheit der bisherigen Studien konzentriert sich überwiegend auf das Verhalten und vernachlässigt dabei den Drang sowie die zugrunde liegenden Faktoren, die ihn beeinflussen könnten“, schreibt das Team in seiner neuen, in Umfassende Psychiatrie veröffentlichten Studie.
Daher wollten die Forschenden den Drang und seine Folgen genauer untersuchen.
Statt die Teilnehmenden wie bei einer häufig genutzten Datenerhebungsmethode jeden Abend in einem Tagebucheintrag auf ihren Tag zurückblicken zu lassen, setzten die Forschenden auf eine ökologische Momentaufnahme-Erhebung.
Bei diesem Ansatz halten Menschen Gefühle und Handlungen unmittelbar fest, anstatt sich erst Stunden später an ihre Emotionen erinnern zu müssen.
Die Studienteilnehmenden erhielten täglich zwischen 8 und 22 Uhr sieben Aufforderungen. Dabei sollten sie ihren aktuellen Gefühlszustand, die Stärke ihres Drangs zum Ausreißen und die Frage angeben, ob sie seit der vorangegangenen Erhebung Haare ausgerissen hatten. Zudem konnten sie Ausreißepisoden direkt während ihres Auftretens melden.
So standen für die Auswertung 2.557 Momentaufnahmen und 702 Episoden des Haarausreißens zur Verfügung.
Bei stärker berichteten Drängen war die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass bei derselben Erhebung auch eine Episode des Haarausreißens angegeben wurde. Ein stärkerer Drang bei einer Erhebung sagte außerdem Haarausreißen bei der darauffolgenden Erhebung voraus.
Auch frühere Ausreißepisoden erhöhten die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Episode. Das deutet darauf hin, dass das Verhalten im Verlauf eines Tages eine gewisse Beständigkeit aufweist.
Emotionale Zustände waren allerdings weitaus weniger aussagekräftig als der Drang selbst.
Langeweile als auffälliger Faktor bei Trichotillomanie
Negative Emotionen – darunter Angst, Ärger, Traurigkeit, Schuldgefühle und Nervosität – gingen während ihres Auftretens mit stärkeren Drängen einher. Dasselbe galt für Grübeln, Müdigkeit und Langeweile. Positive Gefühle standen dagegen mit schwächeren Drängen in Verbindung.
Ein emotionaler oder verhaltensbezogener Zustand fiel besonders auf: Langeweile.
Langeweile sagte sowohl spätere Episoden des Haarausreißens als auch Ausreißen während derselben Erhebung voraus. Müdigkeit sagte hingegen stärkere Dränge voraus, war jedoch nicht mit dem Haarausreißen selbst verbunden.
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Demnach ist Haarausreißen möglicherweise nicht hauptsächlich eine Reaktion auf seelische Belastung. Das Verhalten könnte bisweilen mit negativer Stimulation, aber auch mit einem Mangel daran zusammenhängen. „Zustände geringer Energie können zur Anfälligkeit für Dränge beitragen“, schreiben die Autorinnen und Autoren.
Sie verweisen auf eine Theorie, nach der repetitive Verhaltensweisen helfen, das innere Aktivierungsniveau zu regulieren. Dadurch könnte Haarausreißen in Phasen niedriger Aktivierung oder bei Langeweile wahrscheinlicher werden.
„Die insbesondere beständige prädiktive Rolle von Langeweile und Müdigkeit deutet darauf hin, dass Modelle, die sich ausschließlich auf emotionale Dysregulation konzentrieren, unzureichend sein könnten“, schreiben die Forschenden.
Das bedeutet nicht, dass Emotionen keine Rolle spielen. Negative Gefühle und andere innere Zustände können Teil des Erlebens eines Drangs sein, auch wenn sie das anschließende Verhalten nicht verlässlich auslösen. Die Forschenden betonen außerdem, dass Trichotillomanie nicht bei allen Menschen auf dieselbe Weise funktionieren muss; möglicherweise gibt es Untertypen.
Die Studie umfasste eine relativ kleine, überwiegend weibliche Stichprobe. Zudem mussten die Teilnehmenden ausreichend motiviert sein, ein intensives 10-tägiges Beobachtungsprotokoll zu absolvieren – beides stellt wichtige Einschränkungen der Untersuchung dar.
Zwischen den Erhebungen konnten bis zu vier Stunden liegen. Rasche Veränderungen bei Emotionen oder Drängen könnten somit in der Zwischenzeit aufgetreten und unerfasst geblieben sein.
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Dennoch legen die Ergebnisse nahe, dass zum Verständnis von Trichotillomanie mehr nötig sein könnte als die Annahme, Stress, Traurigkeit oder Angst veranlassten Menschen zum Haarausreißen.
Die hilfreichere Frage könnte sein, was zwischen einem Drang und einer Handlung geschieht – einschließlich Langeweile, Stimulation, Sinneserfahrungen, Umweltreizen und dem Bewusstsein für den Drang selbst.
Die Forschung wurde in Umfassende Psychiatrie veröffentlicht.
Dieser Artikel wurde von Rachel Garner faktengeprüft und von Rebecca Dyer redigiert. Wir sind stolz auf unseren Prozess, aber auch wir sind nur Menschen. Falls Ihnen ein Fehler auffällt, teilen Sie ihn uns bitte mit.
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