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Was wäre, wenn das Gehirn Bewusstsein nicht erzeugt?

Junger Wissenschaftler im weißen Kittel untersucht holografisches 3D-Gehirnmodell in hellem Büro.

Seit Jahrzehnten suchen Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler im Gehirn nach den biologischen Grundlagen des Bewusstseins. Dabei gehen sie davon aus, dass Gedanken, Gefühle und subjektive Erlebnisse aus Netzwerken von Nervenzellen hervorgehen.

Doch was, wenn diese Annahme nicht das ganze Bild erfasst?

Mit dieser provokanten Frage befasst sich der Neurowissenschaftler Christof Koch vom Allen Institute in Seattle.

Im April 2026 stellte Koch beim Symposium der Bial Foundation „Hinter und jenseits des Gehirns“ in Porto, Portugal, seine „Herausforderungen“ für unser Verständnis des Bewusstseins vor. Dabei knüpfte er an eine Reihe bereits veröffentlichter Arbeiten an, darunter einen Beitrag aus dem Jahr 2016 in Nature Reviews Neuroscience.

Koch erklärte ScienceAlert, es könne an der Zeit sein, eine der grundlegendsten Annahmen der Neurowissenschaften neu zu bewerten: dass das Gehirn Bewusstsein hervorbringt.

Christof Koch und die offenen Fragen zum Bewusstsein

Koch stellt die entscheidende Bedeutung des Gehirns für bewusstes Erleben nicht infrage.

Jahrzehntelange Forschung zeigt, dass Verletzungen, Erkrankungen, Narkosen und elektrische Stimulation das Bewusstsein tiefgreifend verändern oder sogar ausschalten können.

Stattdessen stellt er eine andere Frage: Erzeugt das Gehirn Bewusstsein, oder formt es womöglich etwas Grundlegenderes?

Trotz erheblicher Fortschritte beim Verständnis der Informationsverarbeitung im Gehirn bleibt die Neurowissenschaft laut Koch mit einem tiefen Rätsel konfrontiert.

Forschende können die neuronalen Schaltkreise, die an Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotionen und Entscheidungsfindung beteiligt sind, zunehmend genauer bestimmen. Dennoch erklären diese Erkenntnisse nicht, weshalb körperliche Hirnaktivität von subjektivem Erleben begleitet wird.

In einem neuen, bislang unveröffentlichten und mit ScienceAlert geteilten Essay schreibt Koch: „Nichts in der Wissenschaft erklärt, wie 1,36 Kilogramm Materie, ein Einrichtungsstück des Universums wie jedes andere, denselben Naturgesetzen unterworfen, lieben, hassen, träumen, sich vorstellen, sich fürchten oder auf seine Zukunft hoffen kann.“

Öffentlich beschäftigt sich Koch nicht zum ersten Mal mit diesem Problem. 2023 räumte er eine 25 Jahre alte Wette mit dem Philosophen David Chalmers ein und erkannte an, dass die Neurowissenschaft dem neuronalen Mechanismus des Bewusstseins nicht näher gekommen war als bei Abschluss der Wette im Jahr 1998.

Was wäre, wenn das Gehirn Bewusstsein nicht erzeugt?

Ashley Batz/Unsplash

Analytischer Idealismus als möglicher Denkansatz

Zur Annäherung an diese Frage greift Koch auf einen philosophischen Ansatz zurück, der als analytischer Idealismus bekannt ist. Dieser geht davon aus, dass Bewusstsein eine grundlegende Eigenschaft der Wirklichkeit sein könnte, statt vom Gehirn erzeugt zu werden.

In diesem Rahmen gilt das Gehirn weniger als Produzent des Bewusstseins, sondern vielmehr als Filter oder Gestalter bewussten Erlebens.

Die Überlegungen entstanden nicht aus einem einzelnen wissenschaftlichen Experiment. Koch schildert vielmehr eine zutiefst persönliche Erfahrung, die sein Denken über Bewusstsein und Realität grundlegend veränderte.

Vor mehreren Jahren, so erinnert er sich, saß er allein an einem Strand und erlebte, wie sich die Grenze zwischen ihm selbst und der Welt auflöste. Er beschreibt dies als zeitlose und universelle Realität.

In seinem Essay nennt Koch dieses Erlebnis „das bedeutungsvollste meines Lebens“ und schreibt, es habe „meine Sicht auf die Realität auf den Kopf gestellt“.

Koch achtet darauf, diese Erfahrung nicht als wissenschaftlichen Beleg darzustellen. Sie habe ihm vielmehr „einen Blick auf den Geist im Großen“ eröffnet und ihn dazu veranlasst, die metaphysischen Annahmen, die einen großen Teil seiner wissenschaftlichen Laufbahn geprägt hatten, erneut zu prüfen und alternative philosophische Perspektiven ernster zu nehmen.

Zugleich räumt er ein, dass solche Erfahrungen ihrer Natur nach subjektiv sind. Dennoch sollten sie seiner Ansicht nach nicht einfach verworfen werden, nur weil sie schwer zu erklären sind; auch sie gehörten zu dem Phänomen, das die Wissenschaft letztlich verstehen wolle.

Was wäre, wenn das Gehirn Bewusstsein nicht erzeugt?

Dmitry Berdnyk/Unsplash

In dem Essay verweist er zudem auf Entwicklungen der modernen Physik, die daran erinnern, dass einige der tiefsten Annahmen der Wissenschaft bereits überarbeitet wurden. Er behauptet nicht, dass die Quantenphysik Bewusstsein erklärt. Die Geschichte der Physik zeige jedoch, dass Forschende wiederholt gezwungen waren, das Wesen der Realität neu zu überdenken, sobald neue Belege auftauchten.

Koch argumentiert: „Unser Verständnis der Realität muss auf einem einfacheren Fundament neu aufgebaut werden, das sowohl mit dem ,objektiven‘ Ergebnis der empirischen Wissenschaft als auch mit ,subjektiver‘ Erfahrung vereinbar ist.“

Sollten sich die gegenwärtigen Annahmen über Bewusstsein als unvollständig erweisen, könnte nach Koch auch die Neurowissenschaft selbst letztlich einen ähnlich tiefgreifenden konzeptionellen Wandel benötigen.

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Künstliche Intelligenz und überprüfbare Hypothesen

Diese Ideen haben auch Folgen für die künstliche Intelligenz. Falls Bewusstsein nicht einfach das Ergebnis immer komplexerer Berechnungen ist, könnte der Weg zu bewussten Maschinen komplizierter sein, als lediglich zunehmend leistungsfähige KI-Systeme zu bauen.

Das bedeutet nicht, dass zukünftige KI-Systeme niemals bewusst werden könnten. Koch zufolge lässt sich die Debatte jedoch nicht allein dadurch entscheiden, dass Computer intelligenter oder rechnerisch ausgefeilter gemacht werden.

Koch erkennt an, dass der analytische Idealismus keine etablierte wissenschaftliche Theorie ist, sondern ein metaphysischer Rahmen. Seine Zukunft hänge davon ab, ob sich seine Ideen in empirisch überprüfbare Hypothesen übersetzen lassen.

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Wie er schreibt: „Die wichtigste Aufgabe für die Zukunft besteht darin, diese Einsichten aufzugreifen und in empirisch überprüfbare Hypothesen zu übersetzen.“

Bewusstsein bleibe eines der größten ungelösten Rätsel der Wissenschaft, so Koch. Um es zu verstehen, müssten Forschende möglicherweise lang gehegte Annahmen über das Verhältnis von Geist, Gehirn und Realität überdenken.

Kochs Arbeit wurde in Nature Reviews Neuroscience veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde von Fiona MacDonald auf Fakten geprüft und von Fiona MacDonald redigiert. Wir sind stolz auf unseren Prozess, doch auch wir sind nur Menschen. Falls Ihnen ein Fehler auffällt, teilen Sie ihn uns bitte mit.

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