Auf den ersten Blick scheint es widersprüchlich: Junge Menschen kämpfen mit Wohnungsknappheit, unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und Löhnen, die kaum steigen. Zugleich legen neue Zahlen großer Banken nahe, dass ausgerechnet die Generation Z in einigen Jahrzehnten weltweit über enorme finanzielle Macht verfügen könnte.
Zwischen Airbnb-Zimmer und Rekordvermögen
Für Menschen Anfang 20 fühlt sich der Alltag häufig wie permanenter Druck an: WG-Besichtigungen, Minijobs, Praktika und Zeitverträge prägen die Realität. Eine eigene Wohnung zu kaufen, ist für viele kaum vorstellbar. Selbst übliche Mieten verschlingen in Metropolen wie Berlin, München, Wien oder Zürich einen großen Teil des Gehalts.
Währenddessen zeichnet sich im Hintergrund eine gewaltige Verschiebung von Vermögen ab. Nach einer Analyse der Bank of America hat die Generation Z weltweit innerhalb von lediglich zwei Jahren bereits rund 9.000 Milliarden US‑Dollar angesammelt. Prognosen gehen für 2030 von etwa 36.000 Milliarden und für 2040 sogar von 74.000 Milliarden US‑Dollar aus.
Die junge Generation wirkt heute oft klamm, kontrolliert aber in wenigen Jahrzehnten einen historisch einmaligen Vermögensblock.
Wie stark die Lebenshaltungskosten gestiegen sind, zeigt sich jedoch jeden Tag. In zahlreichen Ländern reicht der Mindestlohn selbst bei einer Vollzeitstelle längst nicht für ein eigenständiges Leben. Studien beziffern die Differenz teilweise so hoch, dass beinahe das Eineinhalbfache des Mindestlohns nötig wäre, um allein die Grundausgaben zu finanzieren.
Was hinter dem „Großen Vermögenstransfer“ steckt
Der vermeintliche Gegensatz zwischen heutiger Armut und künftigem Reichtum lässt sich durch den riesigen Erbtransfer der kommenden Jahrzehnte erklären. Besonders Babyboomer sowie Teile der Generation X besitzen in den USA und Europa Immobilien, Aktienbestände und Unternehmensanteile, die in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren vergleichsweise preiswert erworben werden konnten.
Diese Vermögenswerte werden schrittweise an jüngere Generationen übergehen. Weltweite Schätzungen belaufen sich auf ungefähr 84.000 Milliarden US‑Dollar, die bis zur Mitte der 2040er-Jahre an Kinder und Enkel vererbt werden sollen.
- Vermögensquelle Nummer 1: schuldenfreie Immobilien in begehrten Lagen
- Vermögensquelle Nummer 2: Wertpapiere und Fonds, die über Jahrzehnte angespart wurden
- Vermögensquelle Nummer 3: Unternehmensbeteiligungen und Familienunternehmen
- Vermögensquelle Nummer 4: Lebensversicherungen und private Altersvorsorge
Zuerst dürften vor allem die heute 40- bis 60‑Jährigen davon profitieren. Studien zufolge soll allerdings auch etwa ein Drittel der Generation Z nennenswerte Erbschaften erhalten – teilweise unmittelbar von Großeltern, teilweise in Form geerbter Immobilien oder Beteiligungen.
Warum die Generation Z besonders stark ins Gewicht fällt
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: In den nächsten Jahren wird die Generation Z zur größten Bevölkerungsgruppe weltweit. Prognosen veranschlagen ihren Anteil innerhalb der kommenden Dekade auf rund 30 Prozent der Weltbevölkerung. Eine sehr große Zahl von Menschen trifft damit auf einen umfangreichen Vermögenstransfer – und schafft möglicherweise die einflussreichste Konsumentengruppe der jüngeren Geschichte.
Wenn eine sehr große Generation in kurzer Zeit zu Geld kommt, verschiebt sich die Macht auf Konsum- und Finanzmärkten dramatisch.
Wie Gen Z heute lebt – und morgen konsumiert
Die aktuelle Lebenswirklichkeit junger Erwachsener beeinflusst ihr Verhalten bereits deutlich. Wer sich kein Wohneigentum leisten kann, verschiebt die Familiengründung oder den Hauskauf oft auf unbestimmte Zeit. Dadurch rücken andere Ziele in den Vordergrund.
Studien und Branchenanalysen weisen auf wiederkehrende Verhaltensmuster hin:
- stärkere Orientierung an Erlebnissen statt an traditionellem Sparen
- Schwerpunkt auf Reisen, Festivals, Kurzurlauben und Restaurantbesuchen
- großer Anteil spontaner Online-Einkäufe per Smartphone
- zunehmende Ausgaben für psychische und körperliche Gesundheit
- Interesse an nachhaltigen Marken, sofern Preis und Image überzeugen
Statt auf das klassische Sparbuch setzen viele eher auf Broker-Apps, ETFs oder Versuche mit Kryptowährungen. Nicht jede dieser Vorgehensweisen ist sinnvoll. Sie machen aber deutlich, dass diese Generation Geld eher als Mittel für Lebensqualität betrachtet und weniger als Statussymbol wie ein Einfamilienhaus mit Doppelgarage.
Wenn Erbschaften auf neue Konsumgewohnheiten treffen
Für Wirtschaft und Politik wird es genau an diesem Punkt relevant. Erhalten junge Erwachsene plötzlich hohe Beträge und vertreten zugleich andere Werte als ihre Eltern, kann das ganze Wirtschaftszweige verändern.
Als mögliche Profiteure dieses Wandels gelten:
- die Reise- und Freizeitbranche
- Anbieter aus Gesundheit und Wellness, von Fitnessketten bis zu Start-ups für psychische Gesundheit
- Technologiekonzerne, Plattformen und Streamingdienste
- nachhaltige Marken für Mode und Kosmetik
- Fintechs, die Bezahlen und Investieren leichter machen
Zu den möglichen Verlierern zählen traditionelle Luxusgüter oder Banken, die weiterhin auf Filialen, Papierformulare und komplexe Beratungsabläufe setzen. Die Aufmerksamkeit dieser Kundengruppe ist begrenzt, während ihr Anspruch an einfache Lösungen äußerst hoch ist.
Warum die Kritik an „faulen“ Jungen an der Realität vorbeigeht
Neben der Debatte über Vermögen hält sich eine weitere Erzählung: Die Generation Z wolle nicht wirklich arbeiten, komme mit Hierarchien nicht zurecht und lehne feste Bürozeiten ab. Viele Befragungen vermitteln jedoch ein anderes Bild.
Zahlreiche junge Beschäftigte sind bereit, Leistung zu erbringen, hinterfragen aber den Sinn ihrer Arbeit. Niedrig bezahlte Stellen ohne Entwicklungsperspektive akzeptieren sie schlicht seltener. Auf ältere Menschen kann das bequem wirken, tatsächlich ist es oft die Folge besser ausgebildeter Jahrgänge und eines stärkeren Wunsches nach Selbstbestimmung.
Wer seinen Arbeitsalltag bewusster gestaltet, verzichtet nicht automatisch auf Leistung – er fordert nur fairere Bedingungen ein.
Auf lange Sicht kann sich das hohe Bildungsniveau auszahlen. Je mehr gut qualifizierte Menschen auf dem Arbeitsmarkt tätig sind, desto größer wird das Potenzial für Innovationen, Unternehmensgründungen und steigende Einkommen. Das ist ein weiterer Baustein für den Vermögensaufbau der nächsten Jahre.
Risiken: Wer beim großen Vermögenstransfer leer ausgeht
So zuversichtlich viele Vorhersagen auch klingen: Sie treffen keineswegs auf alle zu. Erbschaften sind äußerst ungleich verteilt. Menschen aus Familien ohne Immobilien oder Rücklagen haben selbst mit einer sehr guten Ausbildung einen deutlich schwierigeren Ausgangspunkt.
Zudem besteht das Risiko, dass ein Teil des Vermögens bereits vor der eigentlichen Weitergabe verbraucht wird, etwa durch Pflegekosten im Alter, medizinische Ausgaben oder Fehlentscheidungen bei Anlagen. Auch die Steuerpolitik kann erhebliche Teile der Beträge umverteilen, beispielsweise durch Erbschaft- und Schenkungssteuern.
Für junge Menschen bedeutet das: Allein auf eine Erbschaft zu setzen, genügt nicht. Wer später finanziell unabhängig sein möchte, braucht eigene Strategien. Dazu zählen:
- ein früher Einstieg in Geldanlagen, beispielsweise mit breit gestreuten Fonds
- eine verlässliche Budgetplanung trotz unregelmäßiger Einkommen
- finanzielle Bildung zur Vermeidung von Schuldenfallen
- eine flexible Karriereplanung mit Nebenprojekten und Weiterbildungen
Was der Generation Z real bleibt – trotz aller Zahlenrekorde
Ungeachtet aller Milliardenprognosen bleibt der Alltag für viele Menschen schwierig. Ein Konto, das nach Miete, Strom, Ticket und Lebensmitteleinkauf fast leer ist, vermittelt kein Gefühl von Wohlstand – auch dann nicht, wenn in Jahrzehnten weltweit ein riesiges Vermögen übertragen werden könnte.
Gleichzeitig verschafft die erwartete Kaufkraft dieser Generation ihr eine einflussreiche Position. Als Kundinnen und Kunden, Wählerinnen und Wähler sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können junge Menschen den Druck auf Unternehmen und Politik verstärken – für bessere Arbeitsbedingungen, bezahlbaren Wohnraum und eine nachhaltige Wirtschaft.
Bezeichnungen wie „Vermögenstransfer“ oder „reichste Generation“ klingen groß und abstrakt. Dahinter stehen jedoch sehr konkrete Fragen: Wer wird künftig Einfluss ausüben? Wer entscheidet darüber, wofür riesige Geldbeträge verwendet werden? Und wer bleibt trotz Rekordzahlen außen vor?
An genau dieser Schnittstelle steht die Generation Z: Heute kämpft sie um Mietverträge und faire Löhne, morgen gestaltet sie mit, wie das größte vererbte Vermögen der Geschichte eingesetzt wird – für persönlichen Konsum, Spekulation oder möglicherweise stärker für gesellschaftliche und ökologische Projekte.
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