Die Olympischen und Paralympischen Spiele stehen für sportliche Höchstleistungen: Hier demonstriert die Weltelite ihr Können. Heutige Athletinnen und Athleten profitieren von erstklassigem Coaching, optimierter Ernährung sowie ausgefeilten Regenerationsstrategien.
Einige suchen jedoch mit ungewöhnlicheren Methoden nach dem entscheidenden Wettbewerbsvorteil – indem sie ihr Gehirn trainieren.
Ein gehirnbasierter Ansatz, der die Leistung verbessern soll und im Spitzensport zunehmend genutzt wird, ist das elektroenzephalografische Neurofeedback. Bei dieser Methode werden kleine Sensoren auf der Kopfhaut angebracht, die Hirnwellen erfassen und in Echtzeit anzeigen.
Ziel ist es, Sportlerinnen und Sportlern dabei zu helfen, Hirnwellenmuster zu erkennen und hervorzubringen, die Konzentration oder Entspannung fördern oder einen individuell optimalen Zustand für ihre Fähigkeiten ermöglichen. Es ähnelt gewissermaßen einem Spiegel für das Gehirn.
Weil die Technik die Vorgänge im Gehirn unmittelbar sichtbar macht, können Menschen leicht mit unterschiedlichen Gedanken oder inneren Bildern experimentieren. Sie sehen dann sofort, wie sich ihre Hirnsignale verändern.
Auf diese Weise lernen sie, verschiedene Gehirnzustände zu identifizieren und psychologische Strategien einzusetzen, um diese besser zu steuern.
Athletinnen und Athleten aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter Golf, Fußball und Bogenschießen, erproben Neurofeedback bereits seit Jahren.
Wirkt Neurofeedback im Spitzensport tatsächlich?
Am Institute for the Psychology of Elite Performance der Bangor University untersuchen wir seit mehreren Jahren die Auswirkungen von Neurofeedback in verschiedenen Sportarten und bei unterschiedlichen Aufgaben.
In einer Studie aus dem Jahr 2015 stellten wir fest, dass 12 Hobbygolferinnen und -golfer ihre Putt-Genauigkeit nach drei einstündigen Neurofeedback-Sitzungen um 21 Prozent verbesserten.
In einem ähnlich angelegten Experiment von 2023 zeigte sich, dass sechs jeweils 30 Minuten lange Neurofeedback-Trainingseinheiten 14 Spitzensportlerinnen und -sportlern im Biathlon dabei halfen, ihre Hirnwellen selbst zu regulieren und ihre Konzentration in den letzten Sekunden vor Trockenschüssen mit dem Gewehr zu steigern. Biathlon ist eine Wintersportart, die Skilanglauf und Gewehrschießen kombiniert.
Allerdings gab es eine Einschränkung: In beiden Studien fielen die Verbesserungen bei den Golferinnen und Golfern sowie den Biathletinnen und Biathleten ähnlich aus wie in den Kontrollgruppen, die ihren Sport lediglich ohne Neurofeedback übten.
Ergebnisse aus dem Ausdauertraining
Ermutigendere Resultate lieferte eine unserer Studien aus dem Jahr 2021 mit 40 erwachsenen Freiwilligen. Nach nur 12 Minuten Neurofeedback sollten sie auf einem Fahrradergometer bis zur Erschöpfung fahren.
13 Personen erhielten die Aufgabe, ein Hirnwellenmuster zu erzeugen, das unserer Einschätzung nach Ausdauerbelastungen begünstigt. Weitere 13 sollten ein Hirnwellenmuster hervorbringen, von dem wir keine leistungsfördernde Wirkung erwarteten. Die übrigen 14 Teilnehmenden sahen sich lediglich eine Neurofeedback-Aufzeichnung an, ohne ihre Hirnwellen selbst zu beeinflussen.
Die Resultate waren auffällig: Die Gruppe, die das positive Hirnwellenmuster erzeugen sollte, trat 30 Prozent länger in die Pedale als die anderen.
Um dieses Ergebnis genauer zu prüfen, baten wir die 26 Teilnehmenden der ersten beiden Gruppen erneut in unser Labor. Vor der Wiederholung des Belastungstests erhielten sie jeweils die entgegengesetzte Neurofeedback-Behandlung aus dem ersten Experiment. An dem Tag mit der positiven Neurofeedback-Behandlung fuhren die Freiwilligen im Durchschnitt 11 Prozent länger.
Trotz dieser Ergebnisse muss die Studie noch mit einer größeren Stichprobe und besser trainierten Radsportlerinnen und Radsportlern wiederholt werden. Dadurch ließe sich genauer klären, ob diese Technik auch im noch leistungsstärkeren Bereich des Sports Vorteile bringen kann.
Forschungslage und mögliche Anwendungen
Andere Forschungsteams weltweit kamen in Studien zu mehreren olympischen Sportarten zu ähnlich gemischten Ergebnissen beim Neurofeedback-Training. Dazu zählen Bogenschießen, Turnen, Eisschnelllauf, Eishockey und Golf.
Fachartikel aus den Jahren 2018 und 2024 bündelten die Daten aller bis dahin vorliegenden Studien und fanden insgesamt Hinweise auf moderate Vorteile von Neurofeedback. Betrachtete man jedoch ausschließlich gut kontrollierte Studien – also Untersuchungen mit ausgewogenen Kontrollgruppen, die allgemeine Übungseffekte oder Placeboeffekte berücksichtigen –, schwächte sich die Evidenz für Vorteile ab.
Auf die Frage, ob Neurofeedback funktioniert, lautet die Antwort daher: möglicherweise. Die bisherigen Erkenntnisse zeigen erhebliches, spannendes Potenzial, machen aber zugleich deutlich, dass noch wichtige Forschungsarbeit erforderlich ist.
Die nächste Forschungswelle zu diesem Thema läuft bereits. Einige Studien übertragen Erkenntnisse aus Neurofeedback-Experimenten im Sport, um auch in anderen Bereichen etwas zu bewirken.
Frühe Befunde aus unserem Labor und von anderen Arbeitsgruppen deuten darauf hin, dass Neurofeedback als potenzielles Mittel für die Rehabilitation geeignet sein könnte. Außerdem könnte es bei der Erholung von Symptomen oder beim Umgang mit Beschwerden im Zusammenhang mit Parkinson, Schlaganfall und chronischen Schmerzen helfen.
Olympische Medaillen sind zwar wertvoll. Sollte die Neurofeedback-Forschung jedoch eines Tages zu leicht zugänglichen und wirksamen Behandlungen über den Sport hinaus führen, wäre das womöglich der größte Gewinn überhaupt.
Andrew Michael Cooke, Senior Lecturer für Leistungspsychologie, Bangor University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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