Wahrscheinlich befinden sich gerade Tausende Fotos auf Ihrem Smartphone – und vermutlich schauen Sie sie sich nie an.
Selfies auf Partys. Für Instagram sorgfältig inszenierte Brunch-Tafeln. Ihre Katze, die in leicht unterschiedlichen Positionen schläft. Sonnenuntergänge, Supermonde und Urlaubsfotos.
Ein wesentlicher Grund, weshalb Menschen fotografieren, ist die Erinnerung an ein Erlebnis oder Ereignis. Doch kurz innezuhalten, um ein Selfie zu machen, könnte das Gedächtnis für etwas tatsächlich beeinträchtigen.
Das klingt zunächst widersinnig: Müsste es mit einer visuellen Gedächtnisstütze nicht leichter sein, sich lebhaft an etwas zu erinnern? Doch eine wachsende Zahl von Studien kommt wiederholt zum gegenteiligen Ergebnis.
Eine neue Untersuchung in der Fachzeitschrift Memory & Cognition liefert weitere Belege: In sieben unterschiedlichen Experimenten beeinträchtigte das Anfertigen von Screenshots das Gedächtnis der Teilnehmenden durchgehend.
„Die Ergebnisse der aktuellen Studie deuten darauf hin, dass wir unser Gedächtnis für Informationen und Erlebnisse wahrscheinlich mit einem einzigen Tastendruck schädigen und dass diese Beeinträchtigung sogar über das hinausreichen könnte, was festgehalten wird“, sagt Sophia Fabrizio, Psychologin an der Binghamton University.
Screenshots und der Fotoaufnahme-Beeinträchtigungseffekt
Dass Fotografieren unsere Erinnerungsfähigkeit verringert, ist nicht neu – der Effekt wurde in der Forschung bereits seit Jahrzehnten beobachtet. Weshalb der sogenannte Fotoaufnahme-Beeinträchtigungseffekt genau entsteht, ist jedoch weiterhin ungeklärt.
Forschende haben dafür mehrere mögliche Erklärungen vorgeschlagen. Einer davon zufolge könnte die Bedienung von Kamera oder Smartphone die Aufmerksamkeit aufteilen oder vom Geschehen in der Umgebung ablenken. Das Gehirn würde dann weniger Ressourcen darauf verwenden, die Erinnerung an das Ereignis selbst zu speichern.
Als wichtigste Hypothese gilt jedoch das sogenannte kognitive Auslagern. Vereinfacht gesagt: Das Gehirn könnte sich weniger Mühe geben, sich an etwas zu erinnern, wenn es weiß, dass diese Erinnerung bereits als Foto gespeichert wird.
Ob diese Entscheidung bewusst oder unbewusst erfolgt, scheint keine Rolle zu spielen.
Das ähnelt dem sogenannten „Google-Effekt“: Warum sollte man sich die Speicherung von Informationen im Gehirn antun, wenn sie sich online in Sekunden finden lassen? Deshalb prägen sich viele von uns Telefonnummern kaum noch ein und sehen stattdessen in die auf dem Smartphone gespeicherte Kontaktliste.
Sieben Experimente zum Gedächtnis nach Screenshots
Um diese Ansätze zu prüfen, untersuchte das Team aus Binghamton 892 Teilnehmende in sieben Experimenten und beleuchtete verschiedene Aspekte des Phänomens. Über alle Versuche hinweg fielen die Ergebnisse jedoch weitgehend gleich aus.
Nach dem Aufnehmen von Bildern schnitten die Teilnehmenden in Gedächtnistests durchgehend schlechter ab.
Im ersten Experiment sahen die Teilnehmenden auf ihren Smartphones 44 Kunstbilder. Sie sollten von jedem Bild entweder einen Screenshot anfertigen oder es lediglich betrachten. Nach einer zehnminütigen Ablenkungsaufgabe folgte ein Gedächtnistest: Aus jeweils drei ähnlichen Varianten sollten sie die ursprünglich gesehenen Bilder erkennen.

Bei Bildern, von denen sie Screenshots erstellt hatten, erzielten die Teilnehmenden konstant schlechtere Ergebnisse als bei Bildern, die sie nur angesehen hatten.
Das zweite Experiment sollte klären, ob es einen Ausgleich gab – also einen Vorteil, der das Gedächtnisdefizit kompensierte. Die Forschenden ergänzten deshalb am Ende der Testphase eine neue Frage: Die Teilnehmenden sollten angeben, ob sie jedes Bild betrachtet oder davon einen Screenshot gemacht hatten.
Erneut erinnerten sich die Teilnehmenden an die Bilder mit Screenshots schlechter als an jene, die sie lediglich betrachtet hatten.
Die folgenden Versuchsreihen sollten prüfen, ob die kognitiven Ressourcen womöglich an anderer Stelle eingesetzt wurden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ließen die Teilnehmenden Rechenaufgaben oder Gedächtnisaufgaben lösen, die nichts mit den Bildern zu tun hatten.
Es gab jedoch kaum Hinweise darauf, dass Personen, die Screenshots aufgenommen hatten, dabei besser abschnitten als Personen, die Bilder nur betrachteten.
In späteren Experimenten untersuchte das Forschungsteam, was geschah, wenn den Teilnehmenden ausdrücklich mitgeteilt wurde, dass ein Gedächtnistest zu den Bildern folgen würde und sie ihre Screenshots nochmals ansehen könnten.
Einigen Teilnehmenden wurde gesagt, sie würden innerhalb von 30 Minuten getestet; andere sollten angeblich einen Monat später zum Gedächtnistest zurückkehren. Tatsächlich wurden beide Gruppen allerdings 10 Minuten nach der Bildersitzung geprüft.
Die Hypothese des Teams lautete, dass jene Personen, die von einer längeren Wartezeit bis zum Test ausgingen, stärker auf kognitives Auslagern setzen würden als diejenigen, die wussten, dass sie sofort getestet werden.
Interessanterweise unterschieden sich die Gruppen jedoch kaum. Stattdessen zeigten Teilnehmende beider Gruppen weiterhin ein schwächeres Gedächtnis für Bilder, von denen sie Screenshots gemacht hatten, als für Bilder, die sie angesehen hatten.
„Zusammenfassend legt die vorliegende Studie eine ausgeprägte Gedächtnisbeeinträchtigung durch das Anfertigen von Screenshots nahe, während sich nur unter sehr eng begrenzten Bedingungen und bei bestimmten Messgrößen der Gedächtnisleistung geringe Vorteile für späteres Lernen zeigten“, schlussfolgern die Studienautorinnen und -autoren.
Was die Forschung zu Fotos und Erinnerungen bedeutet
Das Forschungsfeld ist komplex – schließlich deuten andere Studien darauf hin, dass das Aufnehmen von Fotos dem Gedächtnis durchaus helfen kann.
So oder so reicht das aus, um beim nächsten Griff zum Smartphone für ein Foto kurz zu zögern.
Wenige Menschen vermissen es vermutlich, Telefonnummern auswendig zu können. Der mögliche Verlust wirkt jedoch viel persönlicher, wenn zu häufiges Fotografieren die Fähigkeit beeinträchtigt, sich an wichtige Lebensereignisse wie Hochzeiten, Geburtstage und Urlaube zu erinnern.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Memory & Cognition veröffentlicht.
Dieser Artikel wurde von Rachel Garner auf Fakten geprüft und von Rebecca Dyer redigiert. Wir sind stolz auf unseren Prozess, aber auch nur Menschen. Falls Ihnen ein Fehler auffällt, teilen Sie ihn uns bitte mit.
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