Während Frankreichs Charles de Gaulle lange als Flaggschiff und grösster Vertreter der Mittelmeer-Marinen galt, baut die Türkei nun einen Träger, der ihn übertreffen soll – nicht nur bei den Abmessungen, sondern auch beim Konzept. Dabei setzt Ankara konsequent auf Kampfdrohnen und modulare Technik.
Ein neuer Gigant im östlichen Mittelmeer
Das Vorhaben trägt den eher zurückhaltenden Namen MUGEM. Der 285 Meter lange Flugzeugträger könnte die maritimen Kräfteverhältnisse von der Ägäis bis zum Suezkanal neu ordnen. Der eigentliche Baubeginn wird für 2025 erwartet; der Stapellauf soll zwischen 2027 und 2028 erfolgen, die Übergabe an die türkische Marine noch vor 2030.
„MUGEM ist dafür ausgelegt, das grösste Kriegsschiff zu werden, das von einem Mittelmeerland betrieben wird, und Frankreichs Charles de Gaulle mindestens ein Jahrzehnt lang zu übertreffen.“
Mit einer Verdrängung von rund 60.000 Tonnen wird MUGEM die Charles de Gaulle sowohl bei der Länge als auch bei der Tonnage übertreffen. Allerdings bleibt das Schiff etwas kleiner als Frankreichs künftiger nuklearer PANG-Träger, der für die späten 2030er-Jahre vorgesehen ist. Geplant ist ein gemischter Luftverband aus bemannten Jets und einem umfassenden System marinisierter Drohnen.
MUGEM im Vergleich mit Charles de Gaulle und regionalen Rivalen
Unter den Marinen mit Heimathäfen am Mittelmeer steht ein Wechsel an der Spitze bevor. Bisher führte Frankreichs Charles de Gaulle mit 261,5 Metern Länge und etwa 42.000 Tonnen die Liste an. Italien betreibt die Trieste und die Cavour, Spanien die Juan Carlos I, während die türkische TCG Anadolu erst vor Kurzem als kleinerer Hubschrauber- und Drohnenträger hinzugekommen ist.
| Land | Schiff / Projekt | Typ | Länge (m) | Verdrängung (t) | Status |
|---|---|---|---|---|---|
| Frankreich | Charles de Gaulle | Nuklearer Flugzeugträger | 261,5 | ≈ 42.000 | Im Dienst |
| Türkei | MUGEM | Träger für Flugzeuge und Drohnen | ≈ 285–300 | ≈ 60.000 (prognostiziert) | In Entwicklung |
| Frankreich | PANG | Nuklearer Träger der nächsten Generation | ≈ 310 | ≈ 75.000 | Für die späten 2030er-Jahre geplant |
Hält die Türkei ihren Zeitplan ein, wird es in den 2030er-Jahren ein Zeitfenster geben, in dem MUGEM – und nicht ein französisches Schiff – das schwerste Kriegsschiff sein wird, das von einer Mittelmeernation betrieben wird. Erst der PANG wird diese Rolle später mit etwa 75.000 Tonnen übernehmen.
„Für ungefähr ein Jahrzehnt wird der Schwergewichtschampion des Mittelmeers wahrscheinlich türkischer und nicht französischer Herkunft sein.“
Ein Flugzeugträger mit Drohnen im Mittelpunkt
Die eigentliche Neuerung von MUGEM liegt in den Luftfahrzeugen, die von seinem Deck starten sollen. Ankara will das Schiff als schwimmendes Zentrum für fortschrittliche unbemannte Systeme nutzen, ergänzt durch einen leichteren bemannten Kampfjet.
Der vorgesehene Luftverband
Nach Angaben türkischer Marinevertreter soll die künftige Luftgruppe Folgendes umfassen:
- Marineversion der Hurjet – ein leichter zweisitziger Kampfjet und Trainer, der für den Einsatz auf Trägern angepasst wird
- ANKA-III – eine schwer erkennbare Angriffsdrohne für Einsätze mit grosser Eindringtiefe
- Bayraktar Kızılelma – ein düsengetriebenes unbemanntes Kampfflugzeug für aggressive Manöver und Luft-Luft-Aufgaben
- TB-3 – eine taktische Drohne mit Klappflügeln, die auf Trägerdecks zugeschnitten ist
- TB-2 – die in Syrien, Libyen und der Ukraine bekannt gewordene, einsatzerprobte Drohne für Aufklärung und Präzisionsschläge
Insgesamt ist der Träger für etwa 50 Luftfahrzeuge ausgelegt: 20 auf dem Flugdeck und 30 im Hangar. Diese Zusammenstellung ermöglicht es der Türkei, zu geringeren Kosten grössere Stückzahlen einzusetzen, indem sie einen Teil hochentwickelter Kampfjets gegen Schwärme preiswerterer, aber vernetzter Drohnen eintauscht.
Drei Bahnen und eine Ski-Jump-Rampe, zunächst aber kein Katapult
Anders als amerikanische oder französische Nuklearträger soll MUGEM anfangs ohne Katapulte auskommen. Vorgesehen sind stattdessen zwei Startbahnen und eine eigene Landebahn auf einem abgewinkelten Flugdeck, ergänzt durch eine Ski-Jump-Rampe am Bug. Diese Anordnung eignet sich für Kurzstartflugzeuge und Drohnen mit hohem Schub-Gewichts-Verhältnis.
Türkische Ingenieure entwickeln ein elektromagnetisches Katapultsystem, das später nachgerüstet werden könnte. Gelingt dies, könnte MUGEM schwerere Flugzeuge oder Langstreckendrohnen der nächsten Generation starten, ohne dass das Schiff grundlegend umgebaut werden müsste.
„Das Schiff wird mit Blick auf Modularität gebaut, damit künftige Systeme ergänzt werden können, sobald die türkische Industrie weiter gereift ist.“
Unter dem Rumpf: Antrieb, Reichweite und Kampfsysteme
Antrieb und Reichweite
MUGEM wird nicht nuklear angetrieben. Stattdessen erhält das Schiff ein konventionelles Antriebssystem mit vier LM2500-Gasturbinen – derselben Triebwerksfamilie, die zahlreiche amerikanische und NATO-Überwasserkampfschiffe antreibt. Jede Turbine leistet ungefähr 23 Megawatt und soll dem Träger eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 25 Knoten beziehungsweise etwa 46 km/h ermöglichen.
Der Rumpf wurde mithilfe hydrodynamischer Simulationen neu geformt, um den Treibstoffverbrauch um rund 1,5 % zu senken. Bei einem Schiff, das bei Reisegeschwindigkeit mehr als 18.500 Kilometer zurücklegen soll, führt selbst dieser geringe Anteil zu erheblichen Einsparungen bei Betriebskosten und Logistik.
Zu den wichtigsten prognostizierten Daten gehören:
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Länge | 285 m |
| Breite (maximale Breite) | 72 m |
| Tiefgang | 10,1 m |
| Verdrängung | 60.000 t |
| Höchstgeschwindigkeit | ≈ 46 km/h |
| Reichweite | ≈ 18.520 km |
| Besatzung | ≈ 800 Seeleute |
| Luftfahrzeugkapazität | 50 (20 Flugdeck / 30 Hangar) |
Waffen und Sensoren
Obwohl MUGEM in erster Linie eine Luftfahrtplattform ist, wird das Schiff als stark geschütztes Mittel konzipiert. Zum Arsenal an Bord sollen gehören:
- Ein vertikales MIDLAS-Startsystem mit 32 Zellen für Boden-Luft- und möglicherweise Anti-Schiff-Raketen
- Vier Gökdeniz-Nahbereichsverteidigungssysteme zum Abschuss anfliegender Marschflugkörper und Drohnen
- Sechs ferngesteuerte STOP-Waffenstationen im Kaliber 25 mm gegen schnelle Angriffsboote und asymmetrische Bedrohungen
Zusammengeführt werden diese Systeme durch das Gefechtsführungssystem ADVENT. Es kombiniert Radar-, Sonar-, Drohnen- und Schiffssensordaten zu einem einheitlichen Lagebild für die Kommandanten.
Industrieller Anspruch und Signal an die Region
MUGEM vermittelt über Stahl und Sensoren hinaus eine deutliche politische Botschaft. Ankara will zeigen, dass es einen vollständig nationalen Träger einsetzen kann, der auf türkischen Werften gebaut wird und weitgehend heimische Systeme sowie Luftfahrzeuge nutzt. Das Bauverfahren basiert auf vorgefertigten „Mega-Blöcken“, die mehrere Partnerwerften herstellen und anschliessend in Istanbul zusammenfügen. Das soll den Bau beschleunigen und die industriellen Vorteile breiter verteilen.
„Der Träger soll beweisen, dass die Türkei bei grossen Verteidigungsplattformen nicht länger von ausländischen Partnern abhängig sein will.“
Daneben gibt es eine Exportperspektive. Die Türkei hat bereits Drohnen und Marineschiffe an Staaten wie Katar, Pakistan und Indonesien verkauft. Ein türkisch entwickelter Träger, der türkische Drohnen einsetzen kann, könnte eines Tages als Gesamtpaket vermarktet werden: Schiff, Luftfahrzeuge, Waffen und Ausbildung aus einer Hand.
Folgen für das maritime Gleichgewicht im Mittelmeer
Für Frankreich dürfte das Erscheinen von MUGEM kein Grund zur Panik sein, doch es macht die Lage komplexer. Paris verfügt weiterhin über Nuklearantrieb, katapultgestartete Rafale-Kampfjets und eine lange Erfahrung im Trägerbetrieb. Bei der reinen Grösse wird ein türkisches Schiff die Charles de Gaulle jedoch vorübergehend übertreffen.
Auch Italien und Spanien, deren wichtigste Schiffe eher amphibischen Trägern entsprechen, müssen sich auf einen Nachbarn einstellen, der Langstreckendrohnen und leichte Kampfjets weit entfernt von seinen Küsten einsetzen kann. Das verschafft Ankara bei Krisen um Zypern, die Gasfelder im östlichen Mittelmeer oder die Zugänge zum Roten Meer mehr Handlungsspielraum.
Die NATO-Dynamik bringt eine weitere Facette hinzu. Das Bündnis wird im Mittelmeer zwei sehr unterschiedliche Trägermodelle verfügen: einen französischen Nuklearträger mit Katapult und einen konventionellen türkischen Drohnenträger. Bei gemeinsamen Einsätzen könnten sich beide Ansätze ergänzen, doch bei kollidierenden nationalen Interessen sind auch politische Spannungen möglich.
Zentrale Begriffe und künftige Szenarien
Zwei Konzepte, die im Zusammenhang mit MUGEM häufig genannt werden, verdienen eine kurze Einordnung:
- STOBAR: Die Abkürzung steht für „Short Take-Off But Arrested Recovery“. Sie beschreibt Träger, die für den Start eine Ski-Jump-Rampe und für die Landung Fangseile verwenden, jedoch weder Dampf- noch elektromagnetische Katapulte einsetzen. Die anfängliche Konfiguration von MUGEM fällt im Wesentlichen in diese Kategorie.
- UCAV: Ein „Unmanned Combat Aerial Vehicle“ ist eine Drohne, die nicht nur zur Aufklärung dient, sondern für Angriffseinsätze und mitunter auch für Luft-Luft-Aufgaben ausgelegt ist. Kızılelma und ANKA-III gehören zu dieser Gruppe.
Aus praktischer Sicht werden Marineanalysten drei Fragen verfolgen. Erstens: Kann die Türkei einen sicheren und intensiven Flugbetrieb beherrschen, bei dem bemannte Jets und Drohnen dasselbe Deck nutzen? Zweitens: Wird das Projekt für ein elektromagnetisches Katapult schnell genug ausreifen, um eine Veralterung vor der Mitte des Jahrhunderts zu verhindern? Drittens: Wie reagieren regionale Rivalen – durch den Kauf zusätzlicher Luftverteidigungssysteme, den Einsatz eigener Drohnen auf See oder die Beschleunigung eigener Trägerprogramme?
Die Risiken sind nicht ausschliesslich militärischer Natur. Ein 60.000-Tonnen-Träger ist im Betrieb kostspielig und sehr sichtbar. In einer Krise ist er zugleich ein starkes Instrument und ein attraktives Ziel. Sollte das Konzept jedoch funktionieren, könnte die Kombination aus grossem Flugdeck, Langstreckendrohnen und vergleichsweise moderaten Betriebskosten zum Vorbild für Mächte der mittleren Kategorie werden, die sich keine Superträger nach amerikanischem Muster leisten können, aber dennoch am grossen Tisch mitreden wollen.
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