Mit der Indienststellung des Flugzeugträgers Fujian ist Chinas Marine in eine neue Kategorie vorgestossen. Das erhöht den Druck auf regionale Rivalen und wirft die dringliche Frage auf, wie weit Peking seine maritimen Ambitionen treiben will.
Ein „Superträger“ als Signal chinesischen Ehrgeizes
Die Fujian wurde vor Präsident Xi Jinping auf dem Marinestützpunkt Sanya auf der Insel Hainan zu Wasser gelassen – und sie ist weit mehr als nur ein weiteres Kriegsschiff.
Chinesische Staatsmedien präsentieren sie als Sinnbild nationaler Erneuerung und technologischer Stärke. Beobachter in der Region verstehen sie dagegen als unmissverständliches Signal an die Vereinigten Staaten und deren Verbündete in Asien.
Die Fujian ist Chinas dritter Flugzeugträger, jedoch der erste, der von Grund auf als moderner „Superträger“ mit grossem Flugdeck und eigener Technologie konzipiert wurde.
Mit einer Länge von rund 316 Metern und einer Verdrängung von etwa 80.000 Tonnen bewegt sich die Fujian in einer Grössenklasse mit einigen Trägern der US Navy. Anders als diese wird sie allerdings konventionell und nicht mit Kernreaktoren angetrieben.
Berichten zufolge kann das Schiff bis zu 64 Luftfahrzeuge aufnehmen, darunter Frühwarnflugzeuge, Hubschrauber und den neuen Tarnkappenjäger J-35. Dieser soll nach Abschluss seiner vollständigen Zertifizierung vom Deck der Fujian aus eingesetzt werden.
Elektromagnetische Katapulte als Technologiesprung
Besonders auffällig ist das elektromagnetische Startsystem für Flugzeuge, kurz EMALS. Diese Technik, die auch die US Navy erst vor Kurzem in Dienst gestellt hat, ersetzt die älteren Dampfkatapulte.
Elektromagnetische Katapulte beschleunigen Flugzeuge gleichmässiger, ermöglichen höhere Nutzlasten und verringern die Belastung der Flugzeugzellen. Zudem lassen sich Starts in kürzeren Abständen durchführen.
Dass China EMALS auf seinem ersten selbst entworfenen Superträger installiert, gilt als grosser Fortschritt im Marineschiffbau und beim Energiemanagement an Bord.
Im Unterschied zu Atomträgern muss die Fujian ausreichend elektrische Energie aus ihren konventionellen Antriebsmaschinen bereitstellen, um diese anspruchsvollen Systeme zu versorgen. Chinesische Ingenieure erklären, diese Herausforderung bewältigt zu haben.
Von Liaoning zur Fujian: Chinas Flugzeugträgerflotte im Wandel
Die Fujian übertrifft Chinas zwei frühere Flugzeugträger Liaoning und Shandong deutlich. Beide nutzen statt Katapulten eine Skisprung-Rampe.
Diese älteren Flugdecks begrenzen Gewicht und Reichweite der trägergestützten Flugzeuge. Bei intensiven Einsätzen sinkt ausserdem die Zahl möglicher Starts.
Das flache Deck der Fujian und ihre Katapulte bringen China hingegen näher an die US-amerikanische Trägerluftfahrt heran, die auf lang andauernde Kampfeinsätze und weitreichende Luftverteidigung ausgelegt ist.
| Flugzeugträger | Herkunft | Startsystem | Ungefähre Verdrängung |
|---|---|---|---|
| Liaoning | Umgebauter ehemaliger sowjetischer Schiffsrumpf | Skisprung | ~60.000 Tonnen |
| Shandong | In China gebaut, Skisprung-Konstruktion | Skisprung | ~65.000 Tonnen |
| Fujian | In China gebaut, neues Design | Elektromagnetische Katapulte | ~80.000 Tonnen |
Die Indienststellung der Fujian deutet zugleich auf einen Wandel der chinesischen Marinedoktrin hin: weg von Küstenverteidigung und regionalen Patrouillen, hin zu echten Einsätzen auf hoher See weit über die erste Inselkette hinaus.
Ein Flugzeugträger und sechs weitere Kriegsschiffe auf einmal
Die Indienststellung der Fujian war Teil einer umfassenderen Serie von Stapelläufen, welche das Tempo der chinesischen Marineaufrüstung unterstreicht.
Parallel zur Fujian hat China sechs weitere grosse Kampf- und Unterstützungsschiffe zu Wasser gelassen und seiner Flotte damit etwa 170.000 Tonnen neuer Schiffsrümpfe hinzugefügt.
Nach Angaben, auf die sich Verteidigungsanalysten beziehen, umfasst das jüngste Paket:
- ein amphibisches Angriffsschiff des Typs 075, oft als Hubschrauberträger bezeichnet
- einen Versorgungstanker des Typs 903A
- einen Lenkwaffenzerstörer des Typs 055
- zwei Mehrzweckzerstörer des Typs 052D
- ein hochseetaugliches Aufklärungsschiff
Zum Vergleich: Allein diese 170.000 Tonnen entsprechen ungefähr 42 % der gesamten Tonnage der französischen Marine.
In den vergangenen zehn Jahren hat Chinas Marine ihre Zahl an Kampfschiffen nahezu verdoppelt: von etwa 255 Schiffsrümpfen im Jahr 2015 auf voraussichtlich rund 400 bis 2025.
China gegen die Vereinigten Staaten: Schiffe, Tonnage und Fähigkeiten
Auf dem Papier verfügt China bereits über mehr Schiffe als die Vereinigten Staaten, vor allem über kleinere Überwasserkampfschiffe für Einsätze nahe der eigenen Küsten.
Bei einem Vergleich von Tonnage und Fähigkeiten fällt das Gesamtbild jedoch differenzierter aus.
Die Tonnage der US Navy liegt weiterhin deutlich vorn: rund 3 Millionen Tonnen stehen Chinas 2 Millionen Tonnen gegenüber, hinzu kommt ein grösserer Bestand an weitreichenden Fähigkeiten.
Zwischen 2019 und 2023 bauten chinesische Werften 39 Kriegsschiffe mit zusammen etwa 550.000 Tonnen. Analysten des International Institute for Strategic Studies zufolge übersteigt Chinas Kapazität im Marineschiffbau jene der USA um einen Faktor von rund 200.
Dennoch behält die US Navy qualitative Vorteile:
- 11 atomgetriebene Superträger, die über Monate Luftoperationen mit hohem Tempo aufrechterhalten können
- eine grosse Flotte moderner Atom-U-Boote, darunter Raketen-U-Boote und Angriffs-U-Boote
- weltweite Logistiknetze sowie jahrzehntelange Kampferfahrung
China lernt dagegen noch, Flugzeugträger in grossem Massstab wirksam einzusetzen. Dazu gehören Pilotenausbildung, Sicherheit auf dem Flugdeck, Wartung und die Führung komplexer Kampfverbände bei schlechtem Wetter oder in umkämpften Seegebieten.
Reaktionen in der Region und das Risiko von Fehlkalkulationen
In Tokio, Seoul, Taipeh und Neu-Delhi wird das Debüt der Fujian ebenso aufmerksam verfolgt wie in Washington und Canberra.
Japan erhöht seinen Verteidigungshaushalt und rüstet Hubschrauberträger für den Einsatz von F-35B-Kampfflugzeugen um. Australien vertieft über das AUKUS-Abkommen seine Sicherheitsbeziehungen zu den USA und Grossbritannien. Indien treibt im Indischen Ozean sein eigenes Flugzeugträgerprogramm voran.
Im Südchinesischen Meer und rund um Taiwan könnten zusätzliche chinesische Trägerverbände zu häufigeren Begegnungen auf kurze Distanz mit ausländischen Marinen führen.
Jede dieser Begegnungen birgt die Gefahr von Fehlentscheidungen, besonders wenn Schiffe und Flugzeuge unter politischem Druck dicht beieinander operieren.
Was ein Flugzeugträger tatsächlich ermöglicht
Für Menschen ausserhalb militärischer Fachkreise kann die Aufmerksamkeit für Flugzeugträger abstrakt wirken. Tatsächlich ist ein Träger ein beweglicher Luftwaffenstützpunkt, der in Reichweite fast jeder Küste positioniert werden kann.
Diese Flexibilität erlaubt es einem Staat, Macht zu projizieren, Rivalen einzuschüchtern, Verbündete zu unterstützen oder nach Katastrophen humanitäre Einsätze durchzuführen.
Flugzeugträger vergrössern die Reichweite der Aussenpolitik eines Staates, nicht nur seine Feuerkraft.
In Friedenszeiten kann ein Trägerverband gemeinsame Übungen abhalten, in fernen Häfen Präsenz zeigen und Partnern Sicherheit vermitteln. In Krisen kann er Flugverbotszonen durchsetzen, Schifffahrtsrouten eskortieren oder Frühwarnschutz bereitstellen.
Die Fujian könnte, sobald sie vollständig einsatzbereit ist, dauerhafte Luftpatrouillen über der Taiwanstrasse fliegen, Einsätze im Südchinesischen Meer unterstützen oder chinesische Handelsschiffe durch umstrittene Engpässe wie die Strasse von Malakka begleiten.
Schlüsselbegriffe der Debatte
Einige Fachbegriffe, die inzwischen die öffentliche Debatte über Chinas Aufstieg zur Seemacht prägen, sollten kurz erläutert werden:
- Hochseemarine: Eine Flotte, die über längere Zeit weit entfernt von ihren Heimathäfen operieren kann und über eigene Logistik sowie Unterstützung verfügt.
- Anti-Access/Area Denial (A2/AD): Strategien und Waffensysteme, die ausländische Streitkräfte mit Raketen, U-Booten und Luftverteidigung von wichtigen Regionen fernhalten sollen.
- Tonnage: Das gesamte Verdrängungsgewicht der Schiffe einer Marine, das oft als grober Indikator für ihre Gesamtkapazität dient.
- Kampfgruppe: Ein Flugzeugträger, begleitet von Zerstörern, Fregatten, U-Booten und Versorgungsschiffen, die gemeinsam als eine Kampfeinheit operieren.
Chinas neuer Flugzeugträger fügt sich in eine umfassendere A2/AD-Strategie ein. Diese soll US-Streitkräfte davon abhalten, zu nah an der chinesischen Küste zu operieren, und Peking zugleich Möglichkeiten für Einsätze in grösserer Entfernung eröffnen.
Denkbare Einsätze der Fujian auf See
Verteidigungsplaner spielen bereits durch, wie die Fujian im kommenden Jahrzehnt eingesetzt werden könnte.
Ein kurzfristiges Szenario sieht ihre Teilnahme an grossangelegten Übungen im westlichen Pazifik vor. Dabei würden Luftoperationen über weite Distanzen sowie gemeinsame Manöver mit Zerstörern und U-Booten erprobt.
Ein weiteres Szenario betrifft die Demonstration von Entschlossenheit in einer Krise: Die Fujian könnte in Zeiten diplomatischer Spannungen nahe Taiwan oder durch den Bashi-Kanal fahren, um Chinas Fähigkeiten sichtbar in Erinnerung zu rufen.
Langfristig könnte die Fujian an Anti-Piraterie-Patrouillen im Golf von Aden teilnehmen, Energielieferungen aus dem Nahen Osten eskortieren oder bei gemeinsamen Übungen mit Russland und anderen Partnern im Indischen Ozean auftreten.
Jeder Einsatz würde den chinesischen Besatzungen Erfahrungen vermitteln, die kein Simulator vollständig nachbilden kann: den Umgang mit hoher See, komplexen Flugplänen und langen Versorgungsketten fern der Heimat.
Für westliche und regionale Streitkräfte könnte diese Lernkurve ebenso bedeutsam sein wie das Schiff selbst. Ein moderner Flugzeugträger ist nur so leistungsfähig wie die Menschen und Institutionen, die ihn bei ruhiger See und in Stürmen Tag für Tag einsatzbereit halten.
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