Berlin bereitet sich darauf vor, die ersten vollständig unbemannten „Arsenal-Schiffe“ in Dienst zu stellen. Sie sollen gemeinsam mit künftigen Fregatten kämpfen und auf Befehl weitreichende Raketen abfeuern. Oberflächlich wirken sie wie schlichte schwimmende Raketenmagazine, doch das Konzept deutet auf einen grundlegenden Wandel hin: Westliche Marinen müssen in Meeren bestehen, die von Drohnen und Präzisionswaffen geprägt sind.
Ein diskretes Programm mit weitreichenden Zielen
Im Mittelpunkt dieses Umbaus stehen die Large Remote Missile Vessels (LRMV) der Deutschen Marine. Im Kern handelt es sich um mittelgroße, unbemannte Überwasserkampfschiffe mit einem umfangreichen Vorrat gelenkter Flugkörper.
In einer ersten Tranche sind drei dieser Einheiten vorgesehen. Sie sollen eng mit den Luftverteidigungsfregatten der nächsten Generation, der F127, zusammenarbeiten und bei Bedarf auch die leichteren F126-Fregatten ergänzen.
Die LRMV sind als ferngesteuerte „Fäuste“ der Hauptflotte gedacht: entbehrlich, raketenstark, ohne Besatzung und für Einsätze mit hohem Risiko gebaut.
Während klassische Kriegsschiffe Bewaffnung, Sensorik, Unterbringung und Überlebensfähigkeit miteinander austarieren müssen, ist bei diesen Schiffen nahezu alles auf Feuerkraft ausgerichtet. Dieser Kompromiss ist gewollt: Besatzungen sind teuer in der Ausbildung und in von Raketen überfüllten Seegebieten nur schwer zu schützen.
Feuerkraft als Ausgleich für leichtere Fregatten
Deutsche Überwasserkampfschiffe stehen seit Jahren in der Kritik, weil ihre vertikalen Startsysteme im Vergleich zu US-amerikanischen oder einigen asiatischen Einheiten weniger dicht bestückt sind. Die LRMV sollen diese Lücke schließen, ohne dass Deutschland eine vollständig neue Generation schwerer Fregatten beschaffen muss.
Mit Abmessungen ungefähr auf Korvettenniveau und einer Länge von etwa 80 Metern sollen sie vertikale Startzellen erhalten, die verschiedene US-amerikanische und europäische Raketen aufnehmen können. Das Grundprinzip lautet: Das bemannte Schiff führt das Gefecht, während der unbemannte Partner einen großen Teil der Munition mitführt.
- F126- und F127-Fregatten: hochwertige, stark bemannte Führungsplattformen
- LRMV: kostengünstigere, besatzungslose Raketenmagazine zur Erweiterung der Schlagkraft des Verbands
- Gemeinsames Gefechtssystem: Die Fregatte „sieht“ und „entscheidet“, die LRMV „schießt“
Durch diese Aufgabenteilung kann Deutschland die Raketenanzahl einer Einsatzgruppe erhöhen, ohne Besatzungsstärke und Kosten für Schiffsrümpfe im gleichen Verhältnis steigern zu müssen.
Raketenbewaffnung für gesättigte Gefechtslagen
Die für die LRMV vorgesehene Raketenmischung macht die Prioritäten deutlich: Schutz des Verbands vor Bedrohungen aus der Luft, Bekämpfung von Schiffen auf große Entfernung und die Möglichkeit zu tiefen Schlägen gegen Ziele an Land.
| Raketentyp | Ungefähre Reichweite | Hauptaufgabe |
|---|---|---|
| SM-2 | ~167 km | Gebietsflugabwehr |
| ESSM | ~50 km | Punkt- und Nahbereichsflugabwehr |
| SM-6 | > 370 km | Raketenabwehr und Angriff über große Distanz |
| Tomahawk | > 1.600 km | Tiefer Angriff gegen Landziele |
Deutschland blickt zudem auf künftige europäische Waffensysteme. Die gemeinsam mit Norwegen entwickelte 3SM Tyrfing ist als fortschrittliche Anti-Schiffs- und Landangriffsrakete für die rauen Bedingungen nördlicher Gewässer vorgesehen. Parallel dazu zielt das Deep-Precision-Strike-Programm mit dem Vereinigten Königreich auf eine Waffe mit einer Reichweite von mehr als 2.000 km.
Die Verbindung von Marschflugkörpern der Tomahawk-Klasse mit aufkommenden europäischen Langstreckenwaffen könnte jeden unbemannten Schiffsrumpf zu einem strategischen und nicht nur zu einem taktischen Mittel machen.
Vernetzter Waffeneinsatz: Sensoren auf einem Schiff, Abschuss von einem anderen
Eine der auffälligsten Entscheidungen betrifft das, was die LRMV nicht erhalten sollen: keine vollständige Ausstattung mit weitreichenden Radarsystemen. Stattdessen setzen sie auf eine verteilte Architektur, in der andere Plattformen Sensorik und Führungsfunktion bereitstellen.
Die Raketen sollen über gesicherte Datenverbindungen erfasst, zugewiesen und gestartet werden durch:
- eine „Mutter“-Fregatte innerhalb derselben Einsatzgruppe
- luftgestützte Aufklärungsmittel wie Seefernaufklärer oder Drohnen
- landgestützte Führungszentren über Satellitenverbindung
Damit folgt das Vorhaben einem breiteren NATO-Trend zum kooperativen Einsatz: Eine Plattform entdeckt das Ziel, eine andere trifft die Feuerentscheidung und eine dritte führt den tatsächlichen Raketenstart aus.
Ein modulares Konzept für künftige Seekriegsführung
Indem die LRMV auf ihre wesentlichen Aufgaben reduziert werden, können Konstrukteure die Bewaffnung an neue Bedrohungen anpassen. Die vertikalen Startzellen können während der gesamten Nutzungsdauer unterschiedliche Raketen aufnehmen, sodass US-amerikanische Waffen schrittweise durch europäische Systeme ersetzt werden können, sobald diese einsatzreif sind.
Diese Modularität ermöglicht auch verschiedene Einsatzprofile. In Umgebungen mit hoher Bedrohung könnte die Beladung stark auf Abwehrraketen ausgerichtet werden. Bei Krisenreaktionen oder Abschreckungspatrouillen könnten dagegen weitreichende Waffen für Angriffe auf Landziele überwiegen.
Über einen Schiffstyp hinaus: ein vollständiges Drohnenökosystem
Die LRMV sind nicht als isolierte Lösung gedacht. Deutschland arbeitet an einem breiteren Mix unbemannter Systeme, der abgestufte Schichten um bemannte Schiffe bilden soll.
Der Plan umfasst:
- 18 kleinere Überwasserdrohnen des Typs Future Combat Surface Systems (FCSS) für Aufgaben wie Aufklärung, Täuschungsoperationen und Nahbereichsverteidigung
- 12 schwere große unbemannte Unterwasserfahrzeuge (LUUV) für Minenkrieg, verdeckte Überwachung und möglicherweise verdeckte Angriffsaufgaben
- die drei LRMV als hochwertige Raketenplattformen innerhalb dieses Systems
Zusammen sollen diese Komponenten eine mehrschichtige Streitmacht schaffen: Sensoren und Waffen unter Wasser, kleine Aufklärungs- und Täuschungseinheiten an der Oberfläche sowie größere Raketenplattformen, die etwas abseits der gefährlichsten Zonen operieren.
Wie sich das deutsche LRMV-Konzept von dem der Verbündeten unterscheidet
Berlin ist nicht das einzige Land, das unbemannte oder nur minimal bemannte Überwasserschiffe erprobt. Die Niederlande entwickeln beispielsweise automatisierte Unterstützungsschiffe mit rund 53 Metern Länge und 600 Tonnen Verdrängung, die auf küstennahe und küstenferne Einsätze ausgerichtet sind. Diese niederländischen Plattformen sollen preiswert, vielseitig und in gewissem Maß entbehrlich sein.
Die deutschen LRMV sind dagegen für Einsätze auf hoher See im Nordatlantik und darüber hinaus vorgesehen. Dafür benötigen sie robustere Rümpfe, größere Treibstoffvorräte und anspruchsvollere Kommunikationssysteme, um über weite Entfernungen verbunden zu bleiben.
Während niederländische Projekte eher auf Unterstützung in Küstennähe setzen, bringt der deutsche Ansatz unbemannte Kampfschiffe unmittelbar in die hochintensive Seekriegsführung auf offener See.
Auch die US Navy verfolgt ein eigenes Portfolio großer und mittlerer unbemannter Überwasserschiffe, doch ihre Vorhaben waren von technischen Verzögerungen und politischer Kontrolle geprägt. Deutschlands kleinerer Ansatz und die enge Verknüpfung mit einem konkreten Fregattenprogramm könnten die Umsetzung erleichtern, auch wenn das Konzept weiterhin ehrgeizig bleibt.
Kosten, Personal und Politik
Die LRMV stehen im Schatten des F127-Programms, einer der teuersten deutschen Verteidigungsinvestitionen. Für sechs Fregatten werden Kosten von mehr als 28 Milliarden Euro geschätzt. Für eine Regierung, die NATO-Ausgabenziele erfüllen muss, ohne die Personalkosten stark anwachsen zu lassen, sind unbemannte Schiffe deshalb attraktiv.
Sie bieten mehrere mögliche Vorteile:
- geringere besatzungsbezogene Ausgaben über die gesamte Lebensdauer eines Schiffes
- ein niedrigeres politisches Risiko durch Verluste bei besonders gefährlichen Einsätzen
- die Möglichkeit, die Zahl verfügbarer Raketen durch zusätzliche unbemannte Schiffsrümpfe rasch zu erhöhen
Diese Vorteile setzen jedoch belastbare Kommunikationsverbindungen, gehärtete Netzwerke und Vertrauen in die Software voraus. Ein Gegner, der Satellitenverbindungen stört oder Schadsoftware in die Steuerungskette einschleust, könnte ein teures System außer Gefecht setzen, ohne einen einzigen Schuss abzugeben.
Wie sich eine Krise mit LRMV auf See entwickeln könnte
Man stelle sich einen Krisenherd in der Ostsee zu Beginn der 2030er-Jahre vor. Eine deutsche Einsatzgruppe unter Führung einer F127-Fregatte nähert sich umstrittenen Gewässern. Vor ihr durchsuchen mehrere FCSS-Überwasserdrohnen die Fahrwege und erzeugen Radarsignaturen, die größere Schiffe vortäuschen. Unterhalb der Wasseroberfläche kartieren LUUV den Meeresboden und horchen nach feindlichen U-Booten.
Die F127 entdeckt einen von Küstenbatterien abgefeuerten Salvo von Anti-Schiffs-Raketen. Die Besatzung weist sofort einen Teil der Abwehr den eigenen Startsystemen und einen weiteren Teil einer LRMV zu, die 30 km vor dem Steuerbordbug operiert. Beide Schiffe starten SM-2- und ESSM-Raketen, abgestimmt über ein gemeinsames Gefechtssystem.
Nachdem die unmittelbare Bedrohung abgeschwächt wurde, weisen Satellitenbilder und elektronische Aufklärung auf eine wichtige Radarstellung weiter im Landesinneren hin. Statt die bemannte Fregatte näher an die Küste zu führen, befehlen die Kommandeure der LRMV vorzurücken und Tomahawks sowie künftig europäische Langstreckenraketen abzufeuern. Das unbemannte Schiff übernimmt den riskantesten Kurs, während die Fregatte in tieferem Wasser bleibt und damit Besatzung sowie Führungsfähigkeit schützt.
Wichtige Begriffe im Überblick
Für eine solche Konstruktion wird häufig der Begriff „Arsenal-Schiff“ verwendet. Gemeint ist eine Plattform, bei der die Anzahl mitgeführter Raketen fast allen anderen Eigenschaften vorgeordnet wird. Anders als ein herkömmlicher Kreuzer muss sie weder eine große Besatzung beherbergen noch leistungsfähige eigenständige Sensoren tragen. Ihr Wert liegt in der Masse ihres Feuers, nicht in ihrer technischen Eigenständigkeit.
Ein weiterer Kernbegriff des deutschen Ansatzes ist der „kooperative Einsatz“. Praktisch bedeutet dies, dass jedes Abschusssystem im Verband eine Rakete mit Zielinformationen einer anderen Einheit starten kann. Ein Seefernaufklärer könnte beispielsweise einen anfliegenden Bomber entdecken, eine Fregatte die Feuerlösung berechnen und eine LRMV den Flugkörper tatsächlich abfeuern.
Risiken, Chancen und Folgewirkungen
Der Schritt hin zu mehr Autonomie auf See wirft rechtliche und ethische Fragen auf. Das Völkerrecht geht weiterhin von einer eindeutig menschlichen Befehlskette beim Einsatz tödlicher Gewalt aus. Deutschland betont, dass Menschen bei sämtlichen Feuerentscheidungen fest „in der Entscheidungsschleife“ bleiben sollen, doch das Tempo künftiger Raketengefechte wird dieses Versprechen unter Druck setzen.
Zudem besteht das strategische Risiko einer Eskalation. Ein unbemanntes Schiff lässt sich leichter einem Risiko aussetzen, was Regierungen dazu verleiten könnte, näher an umstrittene Gebiete heranzurücken. Gegner könnten, ohne zu wissen, ob sich eine Besatzung an Bord befindet, die Absichten falsch deuten und aggressiver reagieren als erwartet.
Andererseits könnte das LRMV-Konzept die Hürden für die Zusammenarbeit mit Verbündeten senken. Kleinere NATO-Marinen, die sich keine großen Fregattenflotten leisten können, könnten stattdessen in kompatible unbemannte Raketenplattformen investieren und diese an deutsche oder umfassendere Führungsnetzwerke des Bündnisses anbinden. Damit würde Raketenfähigkeit stärker verteilt und weniger von wenigen Flaggschiffen abhängig.
Bislang erhält das Programm außerhalb von Verteidigungskreisen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Sollte es gelingen, könnten die unbemannten Silhouetten, die in den 2030er-Jahren deutsche Fregatten begleiten, den Zeitpunkt markieren, an dem westliche Marinen den Übergang von einzelnen Kriegsschiffen zu wirklich vernetzten, teilautonomen Kampfgruppen vollzogen.
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